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Wie erwacht ein 5jähriges Kind aus einer Ohnmacht? Das lässt sich nach 55 Jahren nicht mehr beschreiben. Kindersprache klingt unangebracht und Erwachsenensprache dramatisiert es mehr – als ich es erlebt habe.

Unvergesslich gleichwohl meine erste Erkenntnis: Egal wo ich bin und sein werde, was ich mache oder möchte, meine Mutter ist und wird immerfort und allüberall zuerst da sein. Das hat mich nicht beruhigt oder erquickt. Es entspringt einer trostlosen Unvermeidbarkeit, vergleichbar mit der Situation eines Entenkükens. Es schlüpft, sieht zunächst einen monumentalen Ball, denkt „Mama“ und kann von nichts anderem überzeugt werden. Ich habe aber keinen Ball gesehen, sondern meine Mutter. Sie beugt sich über mich, beklagt lauthals und aufgeregt, welche Last eine Mutter mit einem so ungezogenen Kind tragen muss.
„Da siehste mal, was ich täglich mitmache“, redet sie auf die Nachbarin ein und schimpft, sie habe mir schon 100-mal verboten, auf einen Stuhl zu steigen. (Das mit den 100-mal könnte gleichermaßen 1000e Male und millionenfach heißen, es drückt Hilflosigkeit und Überzeugungsnot aus und ist heute noch (sogar unter Erwachsenen) üblich.) Ich liege weiterhin am Boden. Worte habe ich nicht. Mir ist schlecht. Durst. Kann nicht schlucken. Mein Mund ist richtig zugeklebt und trotzdem trocken. Die Frage, ob das mit dem Zeitlichen Segnen jetzt fertig wäre, kann ich nicht stellen, ich komme nicht zu Wort. Selbst ein zarter Hinweis, dass ich beim Fensterbrettabwischen und Schrankpapier auswechseln auch auf dem Stuhl stehen muss, hätte nichts gebracht.
Ich soll endlich aufstehen, rapple mich auf die Beine. Die Nachbarin schaut böse, macht dünne Lippen, schüttelt den Kopf.
„Na, musst Du denn deiner Mami solche Sorgen machen?!“
Mein Kleid ist nass, aus meinen Haaren tropft Wasser. Ich sehe eine Lache auf dem Küchenfußboden. Linoleum. Hellbraun. Es wird schon zur Rutschbahn, wenn er feucht ist. Meine Mutter wirft mir vor, einem Lumpenkind zu ähneln. Sie nähe sich für mich die Finger blutig und ich zerstöre absichtlich ihre Arbeit. Ich realisiere den Zusammenhang nicht, kann mich nicht erinnern blutige Finger beim Nähen gesehen, und den Wasserhahn aufgedreht zu haben. Die Nachbarin berichtet aufwühlend, meine Mama habe mir das Leben gerettet, indem sie beherzt Wasser über meinen Kopf und mein Herz gekippt habe. Es ist zu viel für mich. Ich verstehe nichts. Ich wollte doch nur das Zeitliche segnen.

Ich muss den Fußboden trocken wischen und hinterher zur Strafe ins Bett, soll aber viel trinken. Von Zeit zu Zeit kommt meine Mutter an mein Bett und bringt Wasser. Ich fühle ihre Sorge, weiss aber nicht worüber. Habe ich das andere Glas noch nicht ausgetrunken, schimpft sie. Ich bin müde, muss dauernd auf Toilette, kann kaum alleine laufen, muss es aber.
Die Frauen sitzen nun am Küchentisch, können von dort aus jederzeit durch die offenstehende Tür einen Blick auf mich werfen und reden laut darüber, was es für ein Pech ist, ausgerechnet so ein Kind zu haben. Meine Mutter lässt sich von dieser kinderlosen Kriegswitwe trösten. Die gleiche Frau hatte ich mehrfach weinen und jammern hören (ungefähr wie): „Ach, wenn wir doch wenigstens ein Kind gehabt hätten. Aber sein letzter Urlaub wurde gestrichen. Stalingrad. Dann war er weg. Einfach umgeschossen. Und dann? Jahrelang Trümmerfrau. Und nun, wer nimmt mich noch? Wer ist denn noch da? Gibt ja keine Männer mehr.“
Mein Vater erfährt abends, ich hatte einen Rückfall. Kinderkrankheiten sind eben heimtückisch. Penicillin gibt´s ja nur im Westen. Das Fieber ist wieder da. Wadenwickel kann ich nicht leiden, muss sie aber hinnehmen.
Am nächsten Tag endgültig klar. Alles ist wie immer. Ich habe das mit dem Zeitlichen Segnen also vergeigt. Es ist bestimmt zu wenig Salz gewesen. Ich finde mich hässlich und dumm. Mein Leben geht weiter. Mein Leben.

Ergänzung:
Meine Mutter behauptet so etwas wie- gibt´s ja nur im Westen- oft. Ich begreife erst ab etwa 7. Lebensjahr, da schwelt ein (weiterer) großer Wutherd.

Übrigens wurde über das Salz erst etwa 20 Jahre später nochmal gesprochen. Meine Mutter hatte mir, ich war schon verheiratet, Heimtücke vorgeworfen:

aus der Erinnerung, ähnlich unserem Salzbehälter ...

aus der Erinnerung, ähnlich unserem Salzbehälter …

„Du hast schon als Kleinkind ständig versucht, mich zu demütigen. Kaum auf den Tisch gucken können, aber Selbstmord vortäuschen, damit dich alle bedauern. Sogar Zeugen hattest du dir verschafft. Salz haste gefressen. Du warst schon immer gegen mich! Dein Charakter war schon von Geburt an mies.“
„Salz. Na, es gibt fassungslosere Dinge, die ich in meinem Leben schlucken musste“, habe ich leise geantwortet. Über unsere Mutter-Tochter-Situation bin ich traurig. Meine Mutter wirft mir einen Aschebecher an den Kopf. Damit ist das „Gespräch“ beendet. Ich gehe in die chirurgische Bereitschaft. Die Platzwunde muss genäht werden. Diesmal habe ich mir keine Kompresse auflegen und ein Kopftuch drüber binden lassen. Ich drücke mein Taschentuch darauf. Aber das mit dem – die Kellertreppe runtergefallen – ist mir wieder leicht von den Lippen gegangen.

Und: Ich bin noch einige Jahre jederzeit zur Stelle, wenn sie mich braucht, egal wofür.

(ACR)

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