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Vorher —- > In meinem kleinen Apfel … (1)   

... und weint es Apfeltränen das kleine Kindelein ...

… und weint es Apfeltränen das kleine Kindelein …

Ich lernte höchstvorsorglich immer mehr als meiner Mutter direkt abforderte und ihr aufgefallen ist und ganz gezielt auf meine Weise. Nicht nur durch Zuhören, sondern auch ganz berechnend und schon sehr früh beginnend. „Vorneweglernen“, habe ich es genannt. Ich bin mir nicht sicher, ob mich das insgesamt am Leben gehalten oder es mir schwerer gemacht hat. (Dazu an anderer Stelle – später mal – ein Beispiel)

Einesteils arbeitete ich damit der Beweisführung meiner Mutter in die Hände, aus  i h r e m Kind werde in jedem Falle etwas Kluges. Andererseits stellte ich damit Maßstäbe zur Verfügung, denen auf Dauer nicht mal ein unter Druck stehender Erwachsener gerecht werden kann. Ein Motor darf gar nicht ständig auf höchster Umdrehung touren. Ich habe 24 Stunden täglich – ohne Unterlass – in einem Meer von Stress gebadet. (Ich bin überzeugt – im Erwachsenenalter holen uns Krankheiten ein, die wir, mit anderen Ausgangspunkten in der Kindheit, nicht bekämen.)

Und- ganz wichtig- sobald ich der Vorstellung meiner Mutter nicht entsprach, wurde ich zur Enttäuschung, die ich schwer zu büsen hatte. Sie hatte sich getäuscht in mir und nun wird die harmlose Vorsilbe „Ent“ zum Desaster. Eine Situation also, in der Orientierung kaum möglich ist, egal wie alt ein Mensch ist. Ein Kind hat in so einer Lage allemal keine Chance.

Zum Beispiel: Sobald ich einen Stift halten konnte, machte meine Mutter mit mir Übungen. Gerade Striche malen, Farben unterscheiden. Solche Fragen wie hell und dunkel, dick oder blass, Größen zuordnen, kurz oder lang, hoch oder tief, dick oder dünn, waren recht leichte Sachen. Die Verbindung zweier Punkte ist eine feste Strecke- ein Strich ist eine Gerade.

„Gerade heißt das deshalb, weil es g e r a d e sein soll. Ist d a s etwa gerade!?“ Schlag! „Ich lehre dich, gerade Striche zu ziehen, sogar während du am Boden kriechst, wenn du mich dazu zwingst!“ Schlag.

Noch vor meiner Einschulung der mütterliche Ehrgeiz zum Rechnen. Das kleine Einmaleins vorwärts, rückwärts, beim Abwaschen, nachts geweckt und ansagen müssen, mitten im Spiel, beim Einkaufen („3 Fehler! Merke sie dir! Daheim bekommst du dafür die passende Antwort!“) Alphabeth nicht anders.

Später Textaufgaben, Vergleiche, Mengenlehre, alles durcheinander und immer und überall. 1 Apfel ist weniger als 3 und mehr als ein halber.5 sind weniger als 8, drei dazu sind …

„Mami, wozu die 3, bitte. Zu den 5 oder zu den 8?“ Und die Kinderwelt hat keinen Ausgang!

Beispielhaft habe ich eines d i e s e r Erlebnisse noch immer wie einen Film in mir. Ich erzähle ihn, wie ein Film eben nacherzählt werden kann, ohne alles in genaue Bilder umsetzen zu wollen: Nach endlos erscheinenden Rechenübungen- 17 Äpfel sind mehr als 15. Wie viel mehr? 2. Wie viel sind die 17 und die 15 zusammen? Ich komme nicht nach mit Denken, es geht mir zu schnell. Wiederholung. Die Stimme ist schrill, laut, fordernd. Ich schaffe es nicht, weiß nicht, ob die 2 dazugehören oder nicht. Will nicht frage. Traue mich nicht. Sage falsche Ergebnisse. Verbinde zwei Falsche mit einem –oder. Vielleicht so: „33 oder 34 ?“

„Was? Du weißt das nicht genau? Das kann ich dir beibringen! Hole 17 Äpfel aus dem Keller!“ Ich bringe sie atemlos. „Nun nochmal! Hole 15 Äpfel aus dem Keller! Und das in 3 Minuten! Ab dafür. Langweile mich nicht!“

Jedesmal: Ich renne in den Keller, in der Schürze auf dem Rückweg die Äpfel. Viel zu viele für eine so kleine Schürze. Einige kullern die Treppe herunter. Stress. Angst. Panik. Was wird sie machen? Was steht mir bevor?

Mit der Idee hat meine Mutter mich von da ab am meisten quälen können. Das hat sie auch gemerkt und sie über Jahre verfeinert.
„So! Und nun frisst du zuerst die 17 Äpfel und dann die 15. Ich bin sicher, den Unterschied von 2 wirst du dir merken! Und dann kannst du mir auch ganz bestimmt sagen, wie viele Äpfel du uns dann weggefressen hast.“

... es wollt' das Lied nie singen, das kleine Kindelein ...

… es wollt‘ das Lied nie singen, das kleine Kindelein …

Und dann habe ich dagesessen- diese Äpfel vor mir und musste sie essen. Ungewaschen. Nur der Stiel durfte übrig sein. Fürs Zusammenzählen später. Nie werde ich die Sorte vergessen: Boskoop. Sauer sind die Dinger und ich verweigere sie, seit ich bestimmen darf – was ich esse.
Sie sind groß und herb, das Kerngehäuse (Kriebsch genannt) ist hart. Raue, rissige Schale. 2 oder 3 solche Äpfel sind zu essen. Keine Frage, ich kann mir einreden, die schmecken gut. Dann. Mir wird schlecht. Ich muss erbrechen. Meine Mutter nennt das Betrug. Ich darf es nicht ins Klo spucken.
Mutterbefehl: „Kotzt du, frisst du es so lange, bis es drin bleibt!“ Ich lecke es vom Boden auf. Es ist warm, schmeckt wie Apfelmus. Es ist ekelig. Wenn ich drüber nachdenke, wird es schlimmer. Ich denke nicht nach. Nicht absichtlich. Und doch arbeitet mein Hirn. ‚Was habe ich getan, warum passiert das jetzt?‘

Wie viele Stunden vergehen wie langsam? Ich habe mehr als die Hälfte der 17 geschafft. Denken fällt mir schwer. Trotzdem, ich muss rechnen, muss Apfelstiele mit wie – viel Mal habe ich bereits erbrochen – addieren und davon abziehen, wie viele Äpfel noch auf dem Tisch liegen. In meinem Bauch droht ein Gewitter oder wie werden solche Geräusche genannt? Ich darf nichts trinken, soll erklären, wieso ich Durst habe, obwohl ich so saftige Äpfel esse. Kann es nicht erklären, bekomme kein Wasser, weil saure Äpfel und Wasser den Magen platzen lassen könnten. „So vorsorglich ist deine Mama!“ Diese Äpfel sind nicht saftig. Ich spreche es nicht aus.

Es wird Abend. Mein Vater kommt vom Kegeln. Dort ist er fast jeden Sonntag, wenn meine Mutter es ihm nicht verbietet. Er fragt nichts. Seine Augen schauen traurig auf mich herab. Meine Mutter behauptet, ich habe die Frechheiten auf den Gipfel betrieben und das wäre nun meine Strafe. Sie erzählt was vorgefallen sein soll. Ich traue mich nichtaufzuklären, dies sei eine gemeine Lüge. Ich esse weiterhin saure Äpfel, lecke meine Tränen stumm von meinen Lippen. Der Brei in meinem Mund bekommt einen leicht salzigen Geschmack. Nur einen Moment lang. Ich schlucke die Hilflosigkeit herunter, derweil meine Mutter etwas über mich erzählt, was nie stattgefunden hat. Nie. Nicht mal annähernd. Sie sagt nichts vom Rechnen und nichts von Geraden und nichts vom Lernen. Sie macht aus mir, meinem Vater gegenüber etwas, was nichts mit mir zu tun hat. Und ich kann nichts tun, muss aushalten, muss mich schämen für etwas, was ich nie … Eine so tiefe Verzweiflung zwischen den Äpfeln und mir.

Mir fehlen erwachsene Worte, diese Kindergefühle aufzuschreiben.
Ein Kind kann nicht gegen Lügen ankämpfen. Wie denn? Ein Kind darf nicht lügen, Erwachene lügen aber. Was dient gegen Erwachsenenlügen als Schutzschild? Chancenlosigkeit.

Die Nacht beginnt. Mein Vater geht schlafen. Er ist traurig. Ich wünsche mir, meine Mutter wäre auch müde. Ist sie auch, aber sie schläft am Tisch. Neben mir.
„Wegen dir kann ich mich nicht mal hinlegen. Nun friss endlich auf. Ich wäre froh gewesen, in deinem Alter so viel Obst gehabt zu haben.“

Ich bekomme mindestens so viele Ohrfeigen wie ich Äpfel essen soll. Zwischendurch muss ich Rechenaufgaben lösen, die schon wegen der Texte rundum nicht zu verstehen sind. Ich löse sie in einem Dämmerzustand oder wie schlafwandelnd. Ich darf nicht mehr aufs Klo, bekomme meinen alten Nachttopf. Da darin alles aussieht wie zerkleinerte Äpfel- wonach sollte das auch sonst aussehen- betrachtet meine Mutter das ebenfalls als Betrugsversuch. „Du willst nur Äbbel beiseiteschaffen!“ Damit gilt das Gleiche wie fürs Erbrochene. Es schmeckt nicht nach Apfelmus.

An mir ist nichts mehr kindlich. Menschlich ist auch nichts mehr. Das sagt sie mir auch. Meine Mutter nennt mich Schwein und ich soll das wiederholen. „Darf ich Schwein auf den Topf, bitte?“ „Ja, du Schwein, wehe du machst auf den Boden!“ Immerfort die ganze Nacht. Ich schlafe ein- nein es schläft in mir ein- irgendwas, was früher mal ich gewesen ist. Die Stimme weckt mich. Der Schlag macht mich munter. Wach kann sowas niemand nennen.

Montag früh. Ich sehe übel aus. Vorzeigbar bin ich nicht. Sowas wäre nicht zu erklären. Außerdem geht es um Macht. Sie macht solange weiter wie sie es will. Meine Mutter meldet sich krank- ich esse weiter. Mein Vater geht zur Arbeit. Ich bin sicher, wenn meine Mutter nicht gelogen hätte – über mich, er würde mich retten. Ich bin ein Kind und will das glauben. Mein Bauch ist aufgebläht wie eine Trommel. Ich pupse und rülpse. Für schlechte Tischmanieren gibt es Strafe. Mein Körper entleert sich nun schon von alleine, sobald er geschüttelt wird.
Langsam bin ich für einen frischen Apfel dankbar, nachdem ich viele mehrmals schlucken musste. Meine Haare kleben in meinem Gesicht, lassen sich nicht mehr nach hinten streichen. Ich scheine ekelig auszusehen. Meine Mutter würgt auch und reißt den Mund auf und brüllt. Sie droht, ich müsse alles auflecken, wenn sie … ich erbreche schon von der Vorstellung.

Sie lässt Wasser ins Waschbecken. Dann zieht sie mich dahin, taucht meinen Kopf unter. Ich zapple: Irgendwann denke ich, sterben ist auch in Ordnung und halte still. Sie zieht mich zurück. Ich bekomme ein Handtuch an den Kopf geworfen. „Schwein, trockne dich ab! Friss weiter!“
Ich bin nichts. Es fühlt sich an wie in Watte marschieren sollen, wie geträumt, wie ohne alles sein. Es tut nicht mehr weh. Es ist nicht schlimm. Es macht mit mir, ich selbst kann schon lange nichts mehr machen. Ich bin Stein oder Pudding. Egal. Der Unterschied zwischen 17 und 15 Äpfeln ist so egal wie – ob da vor mir auf dem Boden etwas aus meinem vorderen oder hinteren Ende rausgekommen ist. Ich wälze mich darin- lecke es auf- vermehre es. Es stinkt, ich stinke, meine Sachen sehen aus wie sie nicht zu beschreiben sind. Ich weine nicht mehr, lange schon nicht mehr. Mein Schluckreflex ist irritiert, dreht alles um- mein Mund ist voll … rettende Ohnmacht.

Ich werde wach, liege auf dem Fußboden, meine Mutter schreit mich an, ich solle mich nicht verstellen. „Und wenn du dran krepierst. Du. frisst. diese. Äpfel!“ Es sind noch drei oder vier, ich weiss es heute nicht mehr. Ich weiss aber noch sehr genau, ich habe aufrecht auf dem Fußboden gesessen und sie gegessen. (Noch heute höre ich das Knacken oder wie auch immer das Geräusch genannt wird, wenn jemand in einen spröden Apfel beißt, angewidert und die bekannte Zahnarztwerbung finde ich furchtbar.)

Fertig. Mit den Apfelstielen macht sie noch 10 Testaufgaben. Ich löse sie alle. Nicht mal Angst habe ich mehr. Was sollte denn passieren? Die Stiele könnte ich – ohne zu beißen – schlucken. Die letzte Frage: „Was bist du?“ Und ich antworte: „Ich habe dich lieb, Mami!“

Sie geht ins Wohnzimmer. „Mach sauber!“, ruft sie über die Schulter.
Mein Vater kommt von Arbeit. Alles ist aufgeräumt. Er fragt mich nichts. Ich sage nichts. Kann nichts sagen. Liege im Bett. Schäme mich. Denkt er wirklich, ich bin das böse Kind? Magenkrämpfe, Durchfall, Erbrechen, ich habe Fieber und meine Zähne sind pelzig, meine Zunge hat kleine Bläschen wie Brandblasen, meine Wangen innerlich auch, mein Gaumen ist faserig. Meine Mundwinkel sind aufgerissen. Mein Zahnfleisch blutet, meine Lippen sind angeschwollen. Mein Stuhl ist blutig, mein Urin stinkt unbeschreiblich und ist milchig. Ich will nicht, aber ich wimmere, kann nicht reden.

Der 2. Tag schon. Mein Vater bekommt Panik. Meine Mutter auch. Mein Vater fragt nicht nach dem echten Grund meines Zustands. Meine Mutter schiebt ihren auf ihn. „DU machst mich ganz verrückt mit deiner Hektik. An Obst kann man sich nicht vergiften!“

Ich werde sogar gewindelt, weil ich es nicht mehr aus dem Bett schaffe. Meine Blähungen sind unbeschreiblich. Ich erbreche in eine Schüssel. Schüttelfrost. Meine Mutter unterstellt mir Übertreibung. „So viel hat die doch gar nicht gegessen, wie sie jetzt bricht und kackt!“

Nach einigem Hin und Her, der Arzt wird geholt. Mein Vater sagt ihm, ich hätte heimlich im Keller zu viele Äpfel genascht. Der Doktor schaut mich böse an und belehrt mich: „Man darf nichts heimlich aus dem Keller essen. Immer die Mama fragen! Du bekommst doch genug zu essen? Oder?“

Schneewittchen gibt es nur im Märchen

Schneewittchen gibt es nur im Märchen

Was für eine Kindergedankenwelt … Nun liege ich schuldig krank im Bett und kann mich nicht mal mehr erinnern, worin meine Schuld besteht.
Tage später, ich kann wieder auf meinen Beinen stehen. Meine Mutter schickt mich in den Keller. Da steht ein Eimer. Zugedeckt. Meine Sachen sind drin- Wasser drauf. Es stinkt. Vieles schwimmt an der Oberfläche, anderes hat sich auf dem Boden abgesetzt. Zwischendrin unverdaute Apfelstückchen. Ich soll die Sachen mit kaltem Wasser rein waschen. Zur Strafe. Ich soll froh sein, dass ich das nicht austrinken muss. Ich bin froh! Meine Mutter hat immer alle Dinge zu Ende gebracht. Diesmal habe ich Gnade bekommen. Liebe Mama, ich liebe sie so sehr. Am Meisten, wenn ich keine Angst vor ihr habe. Ich bin immer selber schuld, wenn ich Angst vor ihr haben muss, denke ich und kann es dennoch nicht ändern. Nicht mal erklären. Ich schleppe den Eimer ins Waschhaus. Ein unheimlicher Raum. Viel Echo. Dort stampfe mit dem Wäschestampfer, fließendes Wasser. Trotzdem. Mir wird schlecht. Erinnerungen. Ich weine leise, kann in den Abfluss des Waschhaus` erbrechen. Das hilft mir. Nur das Echo verrät mich. Aber niemand schaut nach. Auch die Hausbewohner nicht.

Ein paar Wochen später ist Schulanfang. Ich werde oft und von allen möglichen Leuten gefragt, ob ich mich auf die Schule freue. Zuerst habe ich dann immer Brechreiz. Später geht es wieder.
So und anders- immer aber mit praktischen Erfahrungen, habe ich Mathe lernen müssen und Schreiben und später Physik und Erdkunde und … naja- das Leben eben… im Maßstab meiner Mutter.

Schulzeit. Oder wie gelingt es der Gewalt- unsichtbar und unglaubhaft zu bleiben? —->  s p ä t e r