Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , , ,

.

.

Advent, Weihnachten, Silvester … ich habe es immer als Steigerung empfunden und erst in der Mitte meiner 40er damit begonnen, nach dem Warum zu suchen.

Meine Erinnerungen beginnen „mittendrin“. Immer erst nach Weihnachten sind mir die Wochen vor Weihnachten besonders schwer erschienen.

„Ihr Kinderlein kommet, so kommet doch all …“, birgt so viel Vertrauensvorschuss … spüren das Kinder tiefer als Erwachsene?

Ich glaube, Kindern ist die natürliche Freude auf und über Weihnachten angeboren und nichts kann ihnen den Glauben daran trüben, wenn es in diesem Jahr nicht schön gewesen ist, dann sicherlich beim nächsten Mal. 

lieber, guter Weihnachtsmann

lieber, guter Weihnachtsmann

Advent, Nikolaus, Weihnachten sind in meinen Kindertagen von grundsätzlichen Enttäuschungen und Schuldgefühl geprägt worden. So lange meine Mutter mir nämlich einreden konnte, es gäbe einen Nikolaus und einen Weihnachtsmann, die sich genau notieren wie ungezogen ich bin, habe ich mich über die elenden Feiertage nie beklagt, sondern bin in mich gegangen, habe mir vorgenommen, nun aber ganz bestimmt ein braves Kind zu werden.

Zum Nikolaustag hatte ich im Stiefel als kleines Kind immer Schokolade. Später ist mir der Zusammenhang aufgefallen: Es sollte unbedingt der Eindruck vermieden werden, meine Eltern könnten sich nichts leisten, schliesslich haben die Stiefel im Hausflur gestanden und wir hatten Nachbarn. Stets ist ein Brief vom Nikolaus dabei gewesen. Meine Mutter hat mit ernstem Blick vorgelesen: Obwohl ich so ein böses Kind bin, will der Nikolaus ein Auge zudrücken und mir etwas schenken, aber der Weihnachtsmann, sein Bruder, der wird mir am 24. genau erklären, was im nächsten Jahr besser werden muss.

Ich bin sowieso schon dauernd mit dem mich ändern beschäftigt gewesen und habe trotzdem nichts anderes aus mir machen können. Und ausgerechnet an einem so schönen Fest wie Weihnachten kommt dann auch noch von dem alten Mann mit dem weissen Bart und dem roten Mantel die Bestätigung, meine Mutter hat Recht, ich bin ein böses, böses Kind und auch wenn er das gar nicht gerne mache, er müsse mich mit der Rute daran erinnern, wie sehr meine gute Mama sich mit mir herumquälen muss.

Und dann muss ich mein, von der lieben Mama genähtes, hübsches Kleidchen lüpfen und der Weihnachtsmann haut mich mit einer Rute auf Po und Beine. Ich muss mich hernach hübsch bedanken und dafür entschuldigen, ihm sein Weihnachtsmannleben vergällt zu haben, muss ein Gedicht ansagen, versprechen, ab sofort artig zu sein, damit der arme Weihnachtsmann mich im nächsten Jahr nicht verhauen muss und werde hernach im Wohnzimmer alleine zurückgelassen.

Mein Vater bringt den Weihnachtsmann zur Tür und geht in die Küche, Herd anschalten, Bockwurst heiss machen. Alles andere steht schon bereit. Meine Mutter ist nie da, wenn der Weihnachtsmann kommt. Sie ist immer gerade kurz bei Bekannten, um denen ein paar Geschenke zu bringen. Kaum zurück, muss ich ihr haarklein berichten, was er gesagt und gemacht hat und sie nimmt sich stets vor, im darauffolgenden Jahr unbedingt selbst anwesend zu sein. Bei Kartoffelsalat mit Bockwurst bekomme ich nochmal alle Schandtaten des Jahres aufgezählt – also meine Schandtaten- und muss versprechen, mich ab sofort zu bessern. Abendessen am Heiligen Abend.

Mindestens fünf Jahre habe ich die kurzfristige Abwesenheit meiner Mutter als Geschenk empfunden. Der Weihnachtsmann und meiner Mutter sind zwar in ihren Ansichten Kumpane, haben mich aber wenigstens nicht gemeinsam verhauen. So sitze ich also am 24. Dezember, enttäuscht von mir, beim Abendessen und meine Mutter hält den alljährlichen Vortrag, wie ich der Familie das Fest verderbe.

Am nächsten oder übernächsten Tag haben meine Eltern mich dann aber ins Wohnzimmer gerufen und dort hat alles im Glanz der Lichter gestrahlt und ein Gabentisch so gross und schön, ist gefüllt gewesen mit allem, was es geben konnte für ein Kind. Schneeschuhe und Skistiefel, Roller und Fahrrad, Spielzeug wie im Märchenland, alles alles alles, so wie in einem Traum. Und ich bin so unglaublich froh gewesen und habe mich wie in Befreiung gefreut. Wenn ich überrascht werden, freue ich mich grenzenlos, so ist es heute noch, dann freue ich mich komplett- ich werde zu einer Freuenmaschine. Sinnbildlich springe ich im Viereck, klatsche mit den Händen, mache Purzelbäume, breite die Arme aus und fliege dreimal um die Erde, grabe mich zum Erdmittelpunkt, tanze, singe, bin so unendlich freifroh. Woher auch immer ich diese Gabe des Freuens habe, ich freue mich darüber.

Das kleine Kind, in der Riesenfreudenfreude hat aber erstmal still stehen müssen und sich eine Litanei anhören. So hat meine Mutter mir jedes Mal erzählt, der Weihnachtmann verweigere solchen schlechten Kindern wie mir, grundsätzlich alle Geschenke. Aber als Eltern könnten sie einen Antrag beim Weihnachtsmann stellen, ob sie selbst Geschenke für mich kaufen dürfen. Umso böser ich bin, desto schrecklicher ist der Weihnachtsmann zu meinen Eltern gewesen, bevor er die Genehmigung gibt. Aber meine liebe Mutter will nicht, dass es mir so schlecht geht, wie es ihr als Kind gegangen ist, im Krieg. Und ich höre Kriegskindererlebnisse und bin froh über meine Weihnachtsmanndresche und werde daran erinnert, dass ich sowieso nur eine Nachgeburt bin.

Und meine Eltern sagen mir jedes Mal ausdrücklich, in diesem Jahr haben sie das allerletzte Mal beim Weihnachtsmann einen solchen Antrag gestellt.
Ich danke, danke, danke aus vollem Herzen, bin für die unendliche Güte meiner Mutter so dankbar, küsse ihre Hände und umarme meinen guten Papa und dann endlich darf ich meine Freude starten.

Ich tanze um den Baum, zügellos frei, irgendwas fällt immer runter oder ich bin zu laut oder packe einen Karton rücksichtslos aus. oder ich sage nicht ausdrücklich WIE schön die Puppe ist oder wie wunderbar das Kleid. Egal. Jedenfalls bin ich in jedem Jahr ungefähr eine Stunde nach der Nachholebescherung im Bett und weiss nicht, was ich falsch gemacht habe.

Undankbar in ich. Das höre ich auch an den nächsten Tagen noch. Die Geschenke sind am nächsten Morgen alle weg, auf dem Boden, ich soll sie mir verdienen, ich bin sie nicht wert, der Weihnachtsmann habe doch recht gehabt.

Das ganze Weihnachtsverfahren haben sich die Erwachsenen so aufgebaut, dass kindliche Enttäuschung auf die Kinder geschoben werden kann. Betrifft das nur das Weihnachtsfest? Bei hellem Licht betrachtet- und ohne Schuldzuweisung: Das ganze Leben funktioniert so -für die Erwachsenen – gegen die Kinder, sobald Erwachsene es gegen Kinder nutzen wollen. Ein Erwachsener kann ein ganzes Kinderleben zerlügen. Da haben Kinder keine Chance. Nicht mal, wenn sie erwachsen sind, können sie gegen die Lügen der Erwachsenen etwas ausrichten, weil sie als Kind keine Beweise gesammelt haben. Welch‘ unglaubliches Erwachsenengebaren.

An meinem 10. Weihnachtsfest ist etwas aussergewöhnliches geschehen. Meine Mutter will unbedingt daheim bleiben und den Weihnachtsmann persönlich treffen. Ich habe echt Bammel, denn ich habe Mitte des Jahres eine zauberhafte Schwester bekommen und damit auch viel mehr Arbeit zu erledigen. Die Unzufriedenheit meiner Mutter war in den letzten Monaten gewachsen. Nichts konnte ich ihr auch nur halbwegs recht machen. Der Weihnachtsmann hatte wohl bereits einen Brief an meine Eltern geschrieben und sie darauf vorbereitet, er werde dieses Jahr keine Geschenkegenehmigung geben.

Wir sitzen also am Weihnachtsabend im Wohnzimmer, der Weihnachtsbaum leuchtet silbergeschmückt, Weihnachtslieder rauschen sich leise aus dem Radio. Das Baby liegt im Stubenwagen und schläft. Mir schlägt das Herz im Halse. Vielleicht ist der Weihnachtsmann von dem Baby so entzückt, dass er milde ist mit mir. Aber was, wenn er meiner Mutter sagt sie soll noch strenger sein mit mir? Die Zeit tickt in meine Kinderseele. Meine Eltern scheinen auch unruhig zu sein, sie schauen sich ständig mit komischen Blicken an. Meine Mutter zuckt dabei manchmal sogar mit den Schultern. Das ist der Ausdruck von- weiss ich nicht. Wieso macht sie das? Ich überlege, ob ich vielleicht in den Wald geschickt werde soll, zum Erfrieren, weil ich nicht zu erziehen bin. Das Märchen darüber hatte ich gelesen. Gibt es das in echt?

Plötzlich schabt es ganz leise an der Wohnungstür. Der Schwäche des Tones nach  kann das nicht der Weihnachtsmann sein. Ist das die Eisfee?  Meine Mutter springt auf, schaut meinen Vater vielsagend an und verlässt das Wohnzimmer.

Draussen wird geflüstert. Ich höre das Zischen meiner Mutter. So redet sie, wenn sie kurz vorm Platzen ist. Mein Vater ermahnt mich leise, ich solle sitzen bleiben und geht auch hinaus. Eine Stimme erkenne ich, es ist die unserer Nachbarin. Meine Mutter beginnt laut zu werden, dadurch müssen das alle anderen auch und so identifiziere ich die Stimme des Nachbarn. Ich schleiche an die Tür und horche und verstehe die Welt nicht. Die Frau unseres Nachbarn sagt meiner Mutter, ihr Mann würde den Weihnachtsmann nur spielen, wenn er mich nicht auf den nackten Po hauen muss. Meine Mutter hält ihm vor, er hätte das schon eher sagen können, sie müsse dieses Jahr wegen dem Baby selbst da sein. (Wenn die Kleine schreit, muss ich ja da sein.) Mein Vater sagt, ich sei sowieso schon gross genug, um zu verstehen, dass es keinen Weihnachtsmann gibt und ich falle hinter der Wohnzimmertür fast in Ohnmacht, schleppe mich aufs Sofa zurück und kann nicht denken.

Und ich bin mir nicht sicher, ob es vorher oder nachher in meinem Leben noch einmal eine so umfassend wirkende Betrügerei gegeben hat.

Mir bleibt die Sprache weg, auch nachdem meine Eltern wieder im Zimmer sind und meine Mutter mir vorwirft, wegen mir werde nun meine kleine Schwester ihr erstes Weihnachten verpassen. Der Weihnachtsmann habe angerufen bei den Nachbarn. Er komme nicht zu uns, weil ich mich wieder nicht gebessert habe. Meine Mutter fragt mich, was ich dazu zu sage hätte und ich schweige, werde geschüttelt und geohrfeigt und werde wegen Störrischkeit ohne Abendessen ins Bett gesperrt. Dort muss ich auch am ersten und zweiten Feiertag bleiben.

Meine Weihnachtsgeschenke werden am Tag vor Schulbeginn aufgebaut, es ist mir egal, sie wandern unmittelbar auf den Boden. Ich schweige weiter. Mein Vater kommt nachts heimlich an mein Bett, schenkt mir sein „Halte durch, Du bist bald gross“ und ich stelle mich diesmal nicht schlafend, sondern weine in seine Hand. Er geht weg, ich spüre seine Angst, meine Mutter könnte seine Abwesenheit bemerken.

Silvester. Ein lautes Fest der Erwachsenen.

Am ersten Schultag erzählen sich alle Kinder gegenseitig, was sie bekommen haben und in einem Aufsatz soll das schönste Geschenk beschrieben werden. Da Aufsätze natürlich auch von den Eltern gelesen werden, haben alle Kinder die besten Eltern der Welt und die schönsten Geschenke.

Wie immer habe ich den grossten Gabentisch gehabt. Ich habe Monate, Jahre gebraucht, um die Zusammenhänge zu begreifen.

Später mehr …

(ACR)

.

.

.