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@ACR- Schulanfang 1959

@ACR- Schulanfang 1959

Schulanfang. Erst mal ist es nur ein großes geheimnisträchtiges Wort gewesen. Immer öfter wurde es ausgesprochen. Zuckertüten soll es dann geben. Ich hatte im Kindergarten gehört, im Schulhof stehe der Zuckertütenbaum bereits in Blüte. Was das bedeutet? Fragen lohnten nicht. Darauf folgten stets mütterliche Monologe über die Wahrscheinlichkeit, für mich wüchse keine Zuckertüte, da diese für wohlgeratene Kinder gedacht seien.

Ich hatte mich mit dem Leben eines schuldigen Zufallskindes abgefunden. Immerhin war ich schon sechs und hörte seit mindestens drei Jahren, sagen wir, aller zwei Tage, den Vorwurf, wegen mir sei das richtige Kind weggeworfen und ich nur zufällig aufgehoben worden. Ich, die Nachgeburt, wäre für die Mülltonne bestimmt gewesen.

Ich denke, bereits nach dem hundertsten Mal hatte ich es verinnerlicht. Regelmäßige Wiederholung zermürbte mich einerseits ein wenig mehr, andererseits fühlte ich mich auch wie ein Glückskind. Welche Nachgeburt überlebt schon das eigene Wegwerfen? Die auf mir lastende Schuld, einem richtigen Kind das Leben genommen zu haben, machte mein Los irgendwie sinnvoll. Ich hatte es nicht anders verdient. Aber immerhin- besser als Mülltonne. (Ich habe erst Jahre später den Zusammenhang zwischen Verwechslungsmöglichkeiten und Lieferung durch Klapperstorch durchdacht. Allerdings ohne hinreichenden Erfolg.)

Unter diesen Umständen war ich also recht zufrieden, meinen eigenen Schulanfang überhaupt zu erleben. Irgendwie hatte ich die Rolle des Schneemanns, der unbedingt den Sommer sehen will, im Kühlschrank den Winter verpasst, und den Preis des Schmelzens für die duftende Blumenpracht im Sonnenschein, singend und lachend zahlt. Jedenfalls stellte ich es mir so ungefähr vor. Die väterliche Formel, ich solle durchhalten, bald sei ich groß, würde nun aufgehen. Hatte ich gedacht.

Abgesehen von den Aufregungen, die meine Mutter zusätzlich hatte, es sei nichts zu kriegen, bemängelte sie beim Einkaufen, fühlte ich einen Hauch von Hoffnung auf Freiheit.

In die Schule gehen bedeutete nämlich auch, Schluss mit Kindergarten. Ich erinnere mich sehr gut daran, diesen Abschied herbeigesehnt zu haben. Die Erzieherinnen hatten drei oder vier Jahre hindurch brav den Ambitionen meiner Mutter gedient, nämlich jede ihrer Erzählungen geglaubt und mich als böses Kind behandelt. Es ist in Stunden nicht zu zählen, wie oft ich beispielsweise den Petzgroschen, eine übergroße Papp – Attrappe eines DDR- Groschens an einem Hanfstrick, umgehängt bekommen habe. Um den Hals. Das Pappgroschenschild groß auf der Brust.

So eine Maßnahme! In der DDR. Später in der Schulzeit: Wir behandelten den 2. Weltkrieg. Ich sah Fotos von Soldaten, die nicht mehr mitmachen wollten, mit solchen Schildern um den Hals und zusätzlich noch an Straßenlaternen aufgehängt oder erschossen und habe mich schon deshalb nie getraut über sozialistische Pädagogik zu reden. Vergleiche dieser Art sind noch heute Totschlagargumente. Für Gespräche. Also meist nur für Gespräche. Glücklicherweise- oder zum Glück.

Ich hatte also wieder welches. (Glück) Nicht nur dem eigenen Nachgeburtswegwerfschicksal ein Schnäppchen geschlagen, sondern auch später nicht als Verräter am Halse aufgehängt worden zu sein. Verrat? Nun an der Mutter wäre das schon möglich gewesen, wenn ich denn zu Wort gekommen wäre. Kindliche Versuche, die Wahrheit zu sagen, Hilfe zu erbitten, Rettung zu erhoffen, können per Verbot und Bedrohung leicht unterbunden werden. Ein Kind von Angst gepackt, schweigt. Sogar bis in den eigenen Tod. Es bedarf schon sehr günstiger Umstände, einem Kind die Sicherheit zu geben, straffrei und geschützt sein Leid beschreiben zu können.

Zusätzlich ist das leicht durch erwachsene Lügen zu untermauern: Ohne es mir erklären zu können, wurde ich jahrelang ausgelacht, musste in allen möglichen Kindergartenspielzimmerecken stehen, auf der Schwatzbank ausharren und durfte nicht im Kindergartenspielgarten sein. Musste im dunklen Spielzimmer still sitzen und hörte die anderen Kinder im Garten toben. Mein Kindergartenleben unterschied sich von dem daheim nur im Weglassen körperlicher Gewalt. Dafür wurde ich aber ebenso gedemütigt oder angeprangert, verlacht oder das Allerschlimmste, niemand durfte mit mir reden. Den Kindern wurde verboten, mit mir zu sprechen. Flüsterte eines mit mir, wurde es ermahnt oder bedroht. „Willst du auch in die Ecke? Willst du auch auf die Bank?“ Welches Kind schweigt dann nicht (mit). Erwachsene bringen Kindern auf diese Weise bei wie sie Solidarität vermeiden und Verrat üben. Irgendwann musste ich den Schwindelhut tragen, eine riesige spitze Mütze aus Zeitungspapier. Wieso. Selbst wenn ich nur fragte, ob ich austreten gehen darf, bekam ich die Gegenfrage gestellt, ob ich wirklich mal muss. Irgendwann war mir alles egal. Ich fühlte mich schuldig, schlecht und böse und versuchte mich erfolglos zu ändern. Ein kindsgefährlicher Kreislauf. Den gibt es heute noch.

Dennoch, kaum hatten mich die Erzieherinnen mal nicht im Auge, tobte ich über Tisch und Bänke, meine innere Sonne tankte sich auf und ich bin Kind gewesen. Kindsein sein. Himmel wie schön. Und der Beweis- dieses Kind ist wirklich nicht klein zu kriegen. Innerlich. Also Gegenmaßnahmen. Mutter erfährt es abends beim Abholen. Heimwege sind schlimm. Daheimsein schlimm. Aber besser als Tonne- immerhin.

Der Zusammenhang ist im erwachsenen Denken klar. Meine Mutter hatte nämlich im Kindergarten regelmäßig erzählt, was ich für ein schlimmes Kind sei und sie müsse besondere Erziehungsmaßnahmen ergreifen, für die sie von den Erzieherinnen natürlich Unterstützung erwarte. Ganz voran stand die Behauptung meiner Mutter: „Dieses Kind lügt, wenn es nur den Mund aufmacht. Wenn für jede Lüge eine Kröte aus ihrem Mund springen würde, könnte niemand mehr in einem Raum mit diesem Kind sein.“ Erst einige Jahre später durchschaute ich die perfekte Methode meiner Mutter, nie verraten werden zu können. Mir glaubte eh niemand etwas. Der regelmäßige Fall von der Kellertreppe ist somit realistischer gewesen, wie wenn ich von den Misshandlungen erzählt hätte.

Zur Untermauerung erfand meine Mutter Geschichten über mich, ihr böses Kind und sich, die wundervolle geduldige besorgte Mutter. Ich stand in solchen Situationen wie ein Gast im geborgten Leben.

So ungefähr: Vater, Mutter, Kind, also wir drei gehen morgens zusammen los. Alles ist gut. Mein Vater hat ein anderes Schrittmaß als meine Mutter und ich muss länger als eine halbe Stunde meine Arme nach oben halten, damit meine Eltern, ungleich an mir zerrend, mich in ihre Mitte nehmen können. Ich muss Schritt halten. Welchen denn? Eile ist geboten, damals gab es noch Betriebssirenen. Niemand sollte zu spät kommen. Schmerzende Schultern für Überkopfhaltung werden kleinen Kindern gar nicht zugerechnet. (Ich kann es heute noch immer nicht aushalten, sehe ich Eltern an kleinen Kindern zerren.) Aber sonst ist alles soweit gut. Mein Vater verabschiedet sich am Tor des Betriebes und meine Mutter geht mit mir durch das gesamte Gelände zum Betriebskindergarten. Sie öffnet die Tür und begrüßt meine Kindergartentante und beginnt, ohne jeden Übergang, herzzerreißend zu weinen, und erklärt, sie werde mit mir nicht mehr fertig. Hernach höre ich eine Geschichte, in der ich die Hauptrolle zugeteilt bekomme, von der ich keine Ahnung habe. Beispielsweise erzählt sie ausführlich, wie ich angeblich im Bett gekokelt und beinahe das ganze Haus abgebrannt hätte, wie ich der Nachbarin die Wäsche von der Leine gestohlen und versteckt hätte, wie ich im Keller absichtlich alle Einkochgläser (wir hatten immer Hunderte) geöffnet hätte und nun sei alles verdorben, wie ich …

Fing ein Tag so an, war es kein guter Tag für ein kleines Kind.

Nun sollte aber alles anders werden. Ich bildete mir nämlich ein, in der Schule käme ich als vollkommen Unbekannte an. „Da kennt mich niemand“, hatte ich mir eingeredet.

Und dann endlich. Schulanfang. Meine Mutter hatte mir ein Kleid genäht, Blüte ins Haar gesteckt und irgendwie hatte der Zuckertütenbaum ausgerechnet in meine Zuckertüte besonders viel Baumkraft gesteckt, denn sie war die Größte von allen. Das Schulanfangsfest war ein Erwachsenenfest. Viel Besuch. Viel Essen. Viel trinken. Und immer, wenn ein Witz erzählt wird, muss das Kind raus. Ich verbrachte den Tag in der Küche. Es gab sowieso viel Abwasch.

Der erste Schultag. Freudig bin ich den langen Schulweg alleine gerannt. Gute halbe Stunde Fußweg, ich bekam angemessene 20 Minute von meiner Mutter vorgegeben, hatte also für Gespräche mit Schulkameraden keine Zeit. Zu spät kommen in der Schule- schaurige Vorstellungen. Zuspätkommen daheim. Mit den Jahren immer gemeinere Folgen.

Also erster Schultag. Eine wirklich freundliche Lehrerin. Ich sehe sie noch heute vor meinem geistigen Auge. Ein Fräulein mit einem gerade gebrochenen Arm im Gipsverband. Blonde Locken. Wunderbar vertrauenswürdiges Lächeln. Weiße Zähne. Erst mal sollen wir uns alle setzen. Ich suche die erste Reihe, dahin will niemand. Ich schon.

Es gibt einen Sitzplan. Alle sollen der Reihe nach aufstehen, den Namen sagen und bekommen dann ihren Sitzplatz zugewiesen. Hinten wird begonnen. Eine ganze Weile bin ich glücklich. Niemand musste bisher auf den Platz, den ich bereits liebe.

Das hübsche Fräulein zeigt auf mich. Ich stehe auf und sage brav meinen Namen. Ihr Gesicht wird streng.

„Ach. Das bist du also. Du gehst hinter. Fensterreihe links. Du sitzt erst mal alleine. Und solche Mätzchen wie im Kindergarten brauchst du hier gar nicht erst anzufangen. Und deine Mutti hat mir auch schon allerhand über dich erzählt. Also, du stehst unter ganz besonderer Beobachtung.“

Alle Kinder johlen. Nach der Schule erlebe ich das erste Mal was Klassenkeile ist. Ich komme zu spät nach Hause. Meine Mutter fällt also nach meinen Klassenkameraden auch noch über mich her. Ich möchte mit Mülltonne trotzdem nicht tauschen, erkenne jedoch, das mit dem „Halte durch, du bist bald groß“, dauert noch länger.

Letzte Reihe, Fensterreihe. Links. Da habe ich ein Schulleben lang gelebt. Ab der 7. Klasse habe ich darauf bestanden.

Aber dazu später ….