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Letzte Reihe, Fensterreihe. Links. Da habe ich ein Schulleben lang gelebt.

Außerhalb ist Elternwelt gewesen.
Mutterhaus. Vatertrost. Elternhaus. Worte. Kinderwelt.

Ein schlaues Kind wollte meine Mutter ihrer erwachsenen Umwelt darbieten. Alle sollten sie beneiden. Schlaues Kind, so hat sie sich gedacht, setzt schlaue Mutter voraus. Alles, was sie in ihrer Kinderzeit gern an Klugheit gezeigt hätte, sollte nun ihre Tochter an ihrer statt präsentieren.

So etwas wie: Kind repräsentiert Potential des Mutterhirns.

Das wäre nicht kompliziert gewesen, immerhin habe ich auch allerhand hervorragende mütterliche Gene mitbekommen, habe auch einen klugen Vater. Allerdings hat meine Mutter –sich- in einem so glorifizierten Licht gesehen, dahin muss ein Kind erst mal schauen k ö n n e n, bevor vom erwachsenen Dahinkommen geredet werden k ö n n t e.

Meine Mutter ist ganz selbstverständlich davon ausgegangen, bei ausreichend günstigen Voraussetzungen wäre sie unüberholbar, unvergleichbar, unichweissnichtwasalles geworden. Das zu beweisen, hatte der Krieg ihr versagt. ‚Wäre sie auch- hat er auch‘, kann ich das getrost heute zusammenfassen. Es lebte sich allerdings nicht so zusammengefasst, sondern in allen Einzelheiten schwer. Jedoch ging es ihr in diesen Jahren um die gewaltsame Züchtung einer nur ihrer Vorstellung entsprechenden Nachkommenschaft. In ihrer Überzeugung, ich hätte alle nötigen Voraussetzungen im Überfluss, die ihr gefehlt haben, wollte sie aus mir machen, was sie geworden wäre – jedoch- und darin lag die Krux- nach ihrem ureigenen Bilde.

Hatte ich schon vor der Schulzeit den berechtigten Eindruck, nicht gerade am Zuckerstück des Lebens zu nuckeln, holte mich die wahre Grausamkeit des Kinderlebens erst jetzt -l a n g s a m- wirklich ein.

@ACR 1959

@ACR 1959

Ich konnte schon seit mindestens zwei Jahren, unbemerkt von allen, schreiben und lesen. Wie es dazu gekommen ist, beschreibe ich später vielleicht mal direkt erzählend. Mehr meine Weise zu schreiben und da ich heimlich Erwachsenenbücher las, hatte ich auch meine kindliche Eigenart, zu formulieren- im Vergleich zu anderen Kindern. Ich habe noch heute „eigene“ Wortprägungen/-belegungen. Auffällig auch, da ich damals nie eine Erklärung gefunden habe, wer „man“ ist, der/das alles weiß und alles kann und für alles hergenommen wird, hat „man“ als Personifizierung mir so leid getan, ich nutze ihn/es bis heute höchstselten. Ich scheine mich mit ihm identifiziert zu habe. Er/es ist an allem schuld. Ich wollte ihn offensichtlich immer schützen. Es ist wahrhaftig so als wäre „man“ immer rot geschrieben, sobald es mir begegnet und mein Hirn setzt automatisch Ersatzstücke ein. Z.B: erzählt jemand, man könne etwas Bestimmtes auch von einem anderen Standort sehen. Sofort steht in mir die Frage, wieso derjenige nicht – ich oder wir oder alle usw. sagt- sondern „man“ vorschiebt. Wieso soll der sich das anschauen, wenn es die restlichen nichtmal selbst sehen wollen. uswusf… *** es ist wirklich manchmal eine Last für mich- zu Lesen.

Für mich sind schon als Kind Worte wie Blumen gewesen. Sie zu Sträußen binden oder einzeln wirken lassen, sie in Düfte eintauchen, sie mir bunt vorstellen, lange Schlenker mit kurzen Schnörkeln oder kurze Wellen mit langen Knicken. Es ist wie baden in Sonnenstrahlen- das Schreiben. Es ist wie helles Lachen, wie schwere Lasten schleppen, wie dicke Suppen, heiße Tränen, wie sterben und leben zugleich.

Schreiben ist für mich schon als Kind etwas ganz Großes. Etwas- was nur mir gehört. Was mir niemand wegnehmen kann. Schreiben, wie schön das klingt, wie wunderbar es sich anfühlt, wie herrlich es sich „tun lässt“. Ab dem Moment, da ich mir vorstellen konnte, was Schreiben noch an Geheimnissen in sich bergen könnte, wollte ich unbedingt „groß“ werden, damit ich frei schreiben kann. Schreiben als Teil einer kindlichen Überlebensstrategie…

Und nun endlich die Schule. Alle Erwartungen hatte ich darauf gelegt, endlich mehr, besser, schneller schreiben lernen, besser lesen, dadurch besser denken, begreifen, erfahren … Schreiben ist Lernen zugleich. Nicht Lesen ist die Basis – sondern Schreiben, jedenfalls stellte ich es mir so vor. Zumindest kann nur gelesen werden, was vorher geschrieben worden ist. Somit ist Schreiben Werteschaffung. Wer Werte schafft ist etwas wert, kann verändern, muss verändern, kann erklären, muss erklären, kann besseres werden lassen, muss es auch. Kindliche Denkweisen?

Zu meiner Zeit begann das Lernen noch mit Bleistift. Wer das richtig gut konnte, durfte mit Füllfederhalter schreiben. Ganz zu Anfang: Zwischen einer dicken Zeile sollten wir auf den Kopf gestellte Zuckertüten malen, die schließlich spielerisch zum großen A führten. Spielerisch, im wahrsten Sinne des Wortes, stellte ich die ersten 5 oder 10 Zeile feinster kopfstehender Zuckertüten akkurat zwischen die fetten schwarzen Begrenzungsstriche und gab dem jeweiligen Zuckertütenmuster auch noch den Hauch des späteren Querstriches. Ich konnte es gar nicht erwarten, endlich das erste offizielle A, stellte mir für die nächste Woche den Rest des Alphabetes vor und schrieb in Gedanken schon die ersten Gedichte. Endlich frei im Kopf sein, wenigstens da. Nicht mehr nur im Kopf schreiben. Auswendiglernen was eigentlich auf Papier gehört, damit ich es nicht vergesse. Wie ein Minnesänger der eigenen Gedanken, stumm jedoch, hatte ich mindestens ein Jahr bereits gelebt.

Meine, vor mir vorgewarnte, Lehrerin stand unvermittelt hinter mir und ermahnte mich. Erstens sollte ich langsam und sorgfältig arbeiten, denn zweitens, wer so schnell fertig ist, will angeben. Wieso- so schnell? Haben die anderen Kinder weniger fertig bekommen, in der langen Zeit? Woher soll ich das wissen? Ich bin 6 Jahre und 6 Monate alt. Meine Vorstellungen sind in und von meiner Erlebniswelt geprägt. Schnell und perfekt. So schwer kann das doch nicht sein.
„Angeberin, Angeberin“, zuerst zischt es nur durch das Klassenzimmer, auf dem Heimweg wird es mir nachgeschrien, ich bekomme wieder Kloppe, Steine treffen mich, Stöcke, 15 Kinder oder mehr. Damals sind die Klassen groß gewesen. Nicht alle haben sich beteiligt.
Ich komme schmutzig, total geschockt und zu spät nach Hause. Meine Mutter wirft nicht mit Steinen, sondern mit Worten und sie schlägt. Mitten ins Gesicht. Anderswohin auch. Ich bin ihr Kind. Sie darf mich überall treffen.

Unvermittelt Schluss. Hausaufgaben. Im kleinen Lehrerheft steht: 10 auf den Kopf gestellte Zuckertüten mit bunten Mustern.

Nun beginnt endlich auch meiner Mutters neue Welt. Kindschlauzüchten.
„Lege den Bleistift direkt zwischen Daumen und Zeigefinger. Ganz locker, klemm ihn nicht so ein!“

Ab jetzt halte ich den Stift vollkommen unnatürlich. Vorher hatte ich schon meinen eigenen Stil. Nun wird er zwanghaft geändert. Meine Kinderhand im direkten Verhältnis zum Bleistift hat einen anderen Bezug als eine Erwachsenenhand. Bei der Kürze der Finger kann kein Schreibgerät in genau dem Winkel liegen, den ein Erwachsener mitbringt. Meine Mutter besteht darauf: Zwischen dem, flach auf dem Löschblatt liegenden kleinen Finger meiner rechten Hand und dem oberen Ende des Bleistiftes haben es nicht mehr und nicht weniger als 75 Grad Innenwinkel zu sein. Meine A werden wackelig, der Stift rutscht mir aus den Fingerspitzen. Zwischenzeitlich merke ich mir ‚Innenwinkel‘, ich will wissen, was genau das ist. Sie legt etwas an, was sich später als Winkelmesser entpuppt. Ein Kind kann sich nicht wehren, egal in welchem Winkel es liegt, sitzt oder umfällt.

Mein Kopf wird gewaltsam nach vorn geschleudert. Die Mutterhand schlägt auf Kindes Hinterkopf, sobald ihr etwas nicht gefällt. Zuerst gefällt ihr gar nichts. Meine Stirn trifft manchmal auf das Schulheft. Knall im Hirn. Ich weine selten laut, nur wenn ich in allergrößter Not bin, um mein Leben bettle- damit. In Hausaufgabenzeiten habe ich nie laut geweint. Wären diese Tränen nicht, sie würde es vielleicht gar nicht immer merken, mein Weinen. Meine Tränen tropfen allerdings und weichen das grobe Papier auf. Ich habe beim Herabschauen Tropftränen, keine Rolltränen. Letztere sind unauffälliger, sie rollen lautlos über die Wangen und können von der Zunge abgefangen werden. Ratsch reißt meine Mutter die Tränenseiten heraus. „ Wie du willst! Dann eben alles nochmal!“ Schlag. Treffer. Schlag. Treffer. Mein Kopf wird zum Ball. „Höre auf zu heulen, schreib lieber gleich ordentlich!“ Peng- Ihre Hand rutscht ab und schwippt dabei an mein Ohr. Manchmal reißt mein Ohrläppchen genau dort ein, wo es angewachsen ist. Dann bildet sich ein Schorf. Es eitert auch oft. Mein langes Haar klebt an. Sie zieht mich am Pferdeschwanz. Kurzer Aufschrei gegen meinen Willen. „Schrei ruhig. Mich kannst du damit nicht beeinflussen!“ Sie zieht gleich nochmal. Das kostet wieder eine Heftseite. „Und wenn du hundertmal schreibst, mir egal. Das wird perfekt gemacht.“

Sobald das Heft zu wenige Seiten hat, holt sie ein neues. Alles auf Anfang. So ist es mein gesamtes Schulleben lang, selbst in den Klassen, in denen sogenannte Schnellhefter die Hefte abgelöst hatten, habe ich endlos ab- und neu geschrieben, sie hat die Seiten einfach zerfetzt und verstreut. Aber dazu später.

Die Hausaufgabenordnung lässt mir keinen Raum. Meine Mutter sitzt rechts, schräg halb hinter mir am Küchentisch. Sie kann direkt über meine Schulter schauen, an meinem Ellbogen rütteln, sofern meine Hand nicht im richtigen Winkel steht, den Bleistift in meiner Hand zurechtrücken, mir auf den Hinterkopf schlagen, an meinem Ohr und meinem Pferdeschwanz ziehen, mich in den Rücken knuffen. Sie hat es bequem. Ich spüre ihren Atem in meinem Nacken. Kein beruhigendes Gefühl. Ihr Atem riecht nach Zigaretten. Sie raucht oft. Ich werde geräuchert. Räucherware hält gut, sagt sie manchmal. Rechts neben meiner Hand steht der Aschebecher. Sie wirft gern damit.

Oftmals musste ich gleich vorab schon einiges Schlaginstrumente holen und vor mir auf den Tisch legen. Teppichklopfer, Kochkelle, Riemen …

Unter solchen Bedingungen kann nicht mal ein Generaldirektor arbeiten … ich konnte es … viele von uns Nachkriegskindern kennen es nicht anders.

Kühlt sich ihr Mütchen nicht schnell genug, d a r f ich auswählen, womit sie mich prügelt, muss mitzählen, laut und freundlich.

Für Hausaufgaben, die ich in 5 Minuten mit dem Füllfederhalter hätte machen können, brauche ich auf diese Weise zwei Hefte und mindestens ebenso viele Stunden. Meine Nerven sind zerfetzt. Stresspegel sind damals noch unbekannt gewesen. Wie hoch ein Kind ihn ertragen kann? Machte jedoch so etwas ein Erwachsener mit einem Erwachsenen hieße dies Folter.

Am nächsten Tag gab es Bewertungen von der Lehrerin. Sie ging zu solcherlei Anlässen stets mit einem roten und blauen Buntstift durch die Reihen und schaute in die bereitliegenden Hefte. Dann gab es ein paar Worte wie fein oder na das kannst du besser oder ähnliches zu jeden einzelnen Schüler und zwei rote Striche bedeutete 1, ein roter Strich = 2, rot/blau = 3, ein blauer = 4, zwei blaue Striche = 5.

Ich erinnere mich an seltene ein-roter- Strich. Zwei davon brachten mir aber nur Ruhe, wenn kein anderer Schüler auch so bewertet worden war. Beim Erscheinen eines blauen Striches wäre ich wahrscheinlich …

Irgendwann kam der Füllfederhalter, mit ihm neue mütterlichen Maßregelungen. Die erste Klasse war eine Pein, ich musste so tun als lernte ich alles erst und könnte noch nichts.

2. – 3. Klasse:

Ab dem Wert einer 2 hat sich meine Mutter benommen, wie wenn ich versetzungsgefährdet wäre. Ich musste den Fehler mindestens 100 Mal berichtigen und Sonderaufgaben zum Thema erledigen. So habe ich ganze Lebensabschnitte verbringen müssen, mein Hirn mit sinnlosem Abschreiben zu vernebeln. 100 Mal t nach rechts um 75 Grad gekippt. Später habe ich insgesamt tausende Male solchen Blödsinn wie:

Ich soll beim Schreiben gerade sitzen.

geschrieben, weil ich wegen der ständigen schlagreichen „Einmischereien“ meiner Mutter eine schiefe Art Schutzhaltung entwickelt hatte.

Ich soll nicht angeben.
Ich soll meine Mutter ehren und lieben.
Ich soll nicht naschen.
Ich soll nicht lügen.

Ab der 4. Klasse begann das Aufsatzschreiben und ich durfte, nachdem mein Talent erkannt wurde, ohne Konzept einfach drauflos schreiben.
Welche wunderbare Welt.
Welche gemeine Welt. Ich durfte meine Aufsätze immer vor der Klasse lesen. Nach der Schule Klassenkeile. „Angeberin! Schreib gefälligst mal ne 4e!“

Niemals. Dazu war ich nie bereit. Konnte ich doch endlich aus der Illegalität heraus und ganz offiziell schreiben. Mein Hirn habe ich nie abgegeben, lieber für Wissen gequält werden als dummstellen müssen. Aufsätze wie: „Mein schönstes Ferienerlebnis“ sind furchtbar, ich muss etwas erfinden. (Kann ich bis heute nicht.) Einerseits Glück, da meine Mutter sowieso vorgab, was ich erlebt gehabt zu haben hatte. Stress, solange es meiner Mutter nicht einzigartig genug ausgedrückt gewesen ist.

Mathematik: Rechenaufgaben musste ich in allen Lebenslagen lösen. Meine Mutter weckte mich nachts, fragte mich ab. Textaufgaben haben mich schon ab der ersten Klasse begleitet.

„Ein dummes Kind wäscht alle Teller der Familie ab. Es gab Suppe und Fleisch und Kartoffeln. 1. Wie heißt das dumme Kind? 2. Wie viele Teller wäscht es ab?“

Antwort: „Ich bin das dumme Kind und ich wasche 8 Teller ab.“

Ohrfeige. Tritt. Höhnisches Lachen. „Das du das dumme Kind bist, ist das einzige Richtige. Wie kommst du auf 8 Teller?“

Antwort: „Mama, Papa, …. (Schwester) und ich.“

„Falsch! Nochmal!“

Antwort: „6 Teller wasche ich ab.“

„Wieso kommst du auf 6 Teller?“

Antwort: „Ich bekomme nichts zu essen.“

Schlag. Ich gehe zu Boden, rapple mich auf.

„Nochmal und antworte in ganzen Sätzen!“

„Ich bin ein dummes Kind. Mama, Papa und ich essen von Tellern. … (Schwester) trinkt noch aus der Flasche. Deshalb wasche ich nur 6 Teller ab.“

„Habe ich dich nach der Flasche deiner Schwester gefragt?“ Ohrfeige.

„Nein.“

„Wie heißt das im ganzen Satz?“

So geht es weiter wie lange es meiner Mutter Abkühlung bringt. Beim nächsten Mal bekomme ich Prügel, weil ich meine Schwester von Anfang an nicht in Tellerabwasch einrechne. Es ist egal, richtig mache ich es für meine Mutter nie. Die Aufgaben werden schwieriger, später tickt eine Stoppuhr dazu.

2+8-3+6-7+4-7+1-9+5-2+6-3+6-8+3+4+3-5+3-5+3-5+3-5+3-5+3-5+3-5+3-2 ist gleich, du hast 15 Sekunden Zeit. Sie hatte das in 15 Sekunden heruntergerasselt, diese ständigen Wiederholungen gleicher Ziffern machten vollkommen durcheinander, Chance gleich 0, es als 7 Jährige zu lösen. So war es auch angelegt. Meine Mutter war innerlich stolz auf ihre Leistung, mir etwas beizubringen und erhöhte die Forderungen automatisch, nachdem ich schon beim Diktat von Ziffern diese automatisch addieren oder subtrahieren konnte.
So erging es mir in allen Fächern.
In der 4. Klasse erhielt ich auf dem Zeugnis eine schriftlich formulierte Beurteilung, die ich nie vergesse. Sie lautete wörtlich:
„Angela ist in alle Dingen ihren Mitschülern weit voraus, jedoch darf sie das nicht verleiten, sich als etwas Besonderes zu fühlen.“

Meine Mutter erschlug mich beinahe. Hochmut käme vor den Fall und sie werde mir austreiben, mich über andere zu erheben. Ich, die ich von der ganzen Klasse regelmäßig verprügelt, verlacht und gehänselt wurde, verstand den Zusammenhang nicht. Fast die gesamten Sommerferien verbrachte ich im Bett. Erst mussten die Wunden heilen, dann war es Strafisolation. Aufstehen durfte ich nur für die Hausarbeit, zum Aufpassen auf meine kleine Schwester oder zu Strafarbeiten. 100 Mal das Einmaleins aufschreiben jeweils vorwärts und rückwärts; 55er Reihe bis 78er Reihe. Das war immer noch besser als 500 Mal: Ich soll meine Mama nicht immer so schrecklich ärgern.

Nebenbei: ich hatte immer den gesamten Haushalt zu erledigen. Die Geburt meiner Schwester machte das Ganze nicht leichter. Die Zusatzarbeiten sind nicht schlimm gewesen, sie war ein zuckersüßes Baby und ich eben ihre schwesterliche Mutter. Punkt.
Aber dieses Kind hat nachts geschrien wie ein Berserker. So ein winziges Engelchen und Nervenklau in einem.

Ich musste zusätzlich viel Spott ertragen- wegen ihr. In einem uralten Kriegskinderwagen musste ich sie ausfahren, immer ums Eck- ein Straßenviereck in unserer Wohngegend- direkt an den wild entstandenen Kinderspielplätzen vorbei. Ich wurde immer Kinderfrau von den anderen Kindern genannt. Wir hatten auch einen ganz modernen Kinderwagen. Den durfte ich nur putzen, nie anfassen beim Ausfahren. Schuhe putzen (fällt mir gerade jetzt ein) kann ich bis heute nicht leiden. Ich musste auch unterm Absatz putzen, diesen kleinen Steg. Den habe ich meist vergessen. Unfassbar. Ich habe ihn wirklich selten gleich mit geputzt. Schuhe konnte ich am Schlagverhalten unterscheiden. Nicht nur deshalb.

@ACR 1963

Frisurenabgleich für ein Foto

Und das wohl Schlimmste in dem Alter. Ich hatte wundervoll langes blondes Haar, bis in Gürtelebene. (siehe Foto oben plus 4 Jahre Längenwachstum) Meine kleine Schwester wollte sich nie mit mir zusammen fotografieren lassen. zeigte immer darauf und weinte. Sie wollte auch so schöne Haare haben. Hatte sie aber nicht. Wie auch. Sie war noch kein Jahr und fast weiß- dünnhaarig wie ein kleines zartes noch flugunfähiges Vögelchen.
Ich, die Schuldige am Unglück dieses wunderniedlichen Kindchens.
Meine Mutter griff zur Schere. Ich hatte als 10jährige nun die Frisur meiner Babyschwester. Meine Klassenkameraden tobten sich an mir aus.

Irgendetwas in mir muss dafür gesorgt haben, innige Liebe für meine Schwester zu empfinden, immerdar, bis heute.

Gut nun erstmal- nächste Woche mehr …