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... es wollt' das Lied nie singen, das kleine Kindelein ...

… es wollt‘ das Lied nie singen, das kleine Kindelein …

Aus heutiger Sicht wird meiner Mutters Begehr bereits vor meiner Einschulung erkennbar. Kaum ließ ich erste Ansätze vermuten, mir etwas merken, es begreifen und anwenden zu können, schuf sie den Plan, aus mir auf Biegen und Brechen ein kluges Kind zu machen. Was hernach, durch ihre Aufopferung, genau aus mir entstehen sollte, die Berufsbezeichnung –der Lebensweg insgesamt, habe ich nie erfahren und weiss bis heute nicht, ob sie davon eine klare Vorstellung hatte.

Ein sehr kluges Kind sollte ich auf alle Fälle werden, damit sie ein sehr kluges Kind hat. Sehr kluges Kind deutet auf dessen ausgesprochen kluge Mutter hin, ist nahezu der Beweis dafür.

Wermutstropfen, ach was, ein ganzes Fass Wermut: Auf den Ursprung der Kinder wird in unserer Kultur nicht explizit hingewiesen. Der Anhang: *Von herausragend bedeutungsvoller Mutter geboren*, wäre, ganz im Sinne meiner Mutter, der Eltern öffentlich anzurechnende (Be)Lohn(ungs)untergrenze.

Sozusagen bedingungsloses Grundeinkommen der Eltern, sie werden als Namenbetonung ihrer Kinder genannt, verbunden mit dem Mindestlohn, den sie in ihrer Urheberschaft einfahren.
Hinsichtlich der Dankbarkeitserwartungen sind Mütter nach meinem Empfinden anspruchsvoll, Väter eher flexibel. Etwas anderes bleibt ihnen sowieso nicht übrig, zumal Eltern als wahrhafte Einheit meist sowieso nur gelten, wenn Mütter das wollen. (Ich anerkenne, es gibt diesbezüglich auch stur unmoralische Väter.)
Meine Mutter bestünde freilich explizit auf ihre Erwähnung. Vatersein ergäbe sich in ihrer Einstellung reinweg aus der Biologie, und müsste ausreichen. Sie hatte mich ohnehin stets im Verdacht, ich liebte sie weniger als meinen Vater, und fühlte sich dadurch bitterlich gedemütigt.

Halt! Ein Ausflug in den möglichen Einwand …

Ein genauer Blick in die Entwicklung der Menschheit zeigt, der Fortschritt ist in langen Zeitabschnitten gar nicht anders möglich gewesen. Wissen und Können musste Generation für Generation an die eigenen Kinder weiterzugeben werden. Darin hat auch soziale Sicherheit ihren Ursprung.

In der DDR – in diesen Jahren – hat es sogar noch sehr viel mehr Diskussionen zum Thema „Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau“ gegeben als in Zeitungen bekannt gegeben worden ist. Vieles wurde vor allem in den Brigaden debattiert und in der Familie ausgemacht. Frauen hatten im Krieg auch ohne Männer auskommen müssen. Das wurde ihnen nicht ausdrücklich angelastet, zumal in der DDR offiziell nur „die Guten“ lebten, im Unterton schwang es jedoch mit: Ohne die Frauen wäre der Aufbau (…) gar nicht möglich. So waren Männer gut beraten, sich schnellstens umzustellen, der Zeit anzupassen, und kinderwagenschiebende Väter oder fensterputzende Männer beinahe brigadetagebuchverdächtig vorbildlich. Männer, die es gar fertig brachten kinderwagenschiebend Fenster zu putzen sind in diesen Jahren vergleichbar gewesen mit denen, die vorher unter: „Mann müsste Klavier spielen können …“ firmierten. (ist es heute wirklich anders?)

Dieses: Es war immer schon so …

… es ist nicht um Tradition gegangen und schon gar nicht um Fortschritt. Kontrolle wollte meine Mutter haben und Selbstbestätigung hat sie gesucht, in einer Zeit, in der alle Werte im Rinnstein der ausgebrannten Straßen aufgesammelt werden mussten. Und damit ist es natürlich Tradition gewesen; sie hat auch so ein Kindheit  und hat so eine Mutter und vor ihr auch und vor ihr ebenfalls … Manchmal schrie sie darüber ihr Leid heraus, wenn sie auf mich einschlug oder ihre Endlosmonologe hielt. (Meckern nannten wir das damals)

Meine Mutter hat sich in ihrer Lebensplanung für mich genauso benommen wie auch heutzutage Eltern, die ihre Kinder dazu verdonnern, auf Biegen und Brechen (und das wirkt unter Umständen im Sinne des Wortes tatsächlich 1:1) genau das zu werden, was sie früher selbst nicht fertig gebracht haben oder was sie ihnen vorleben. (Hört sowas nie auf?)

Sie hat es besser machen wollen als ihre Mütter. Aus ihrem Kind sollte „etwas werden“.

Durch mich wollte sie auch unbedingt beweisen, wie unglaublich klug sie ist, ohne jemals besondere Förderung gehabt zu haben. Durch jede Form von „Intelligenzteste“, die sie auftreiben konnte oder selbst entwickelt hat, wurde ich von ihr getreten, im wahren Sinne des Wortes. Sie hat sich später mit mir auch messen wollen, immerhin musste sie selbst mindestens das wissen, was in Tests oder, ab der Schulzeit, in Hausaufgaben und Arbeitsvorbereitungen erfragt wurde. Es ist wahrhaft eigenartig, ich habe damals über die Gelehrtheit meiner Mutter gestaunt. Meinen eigenen Status zu betrachten, ist mir nicht in den Sinn gekommen. Ich war einfach noch ein zu kleines Kind.

Des Menschen Fähigkeit macht möglich, die Stimmen der Wale zu hören und zu verstehen wie eine Katze sieht. Was sieht ein kleines Kind von Erwachsenen, wenn es vor ihnen steht … gibt es davon Bilder?

Ich erinnere mich nicht mehr, wie oft ich mütterliche Lehren wiederholen und Aufgaben lösen musste.

Dann stand ich vor ihr.

Sie groß wie ein Berg. Wenn ich geradeaus schaue, sehe ich ihre Oberschenkel oder ihren Bauch. Sie blickt auf mich herab. Fordert, ich solle sie gefälligst anschauen, wenn sie mit mir redet. Ich gucke mit überstrecktem Hals nach oben. Ihr Gesicht fällt mir entgegen.

(Liebe Eltern: Schaut mal in einen Spiegel, während Ihr nach unten seht. Ab einem bestimmten Alter fällt das Gesicht aus der „Halterung“. Und nun macht dabei ein wütendes Gesicht und reißt den Mund auf. Genau das sieht Euer kleines Kind von Euch! Und zwar rie-sen-groß.)

Ein Wort von mir, nicht wie sie es will, und der Schlag trifft mein Gesicht oder meinen Hinterkopf. In dieser Körperhaltung. Ich hatte die Erfahrung bereits. Meine Füsse sollten möglichst schulterbreit geöffnet auf dem Boden stehen, dann kann ich die Schläge ausbalancieren. Umfallen ist gefährlich. Sie tritt eher als sie sich bückt. Ob sie gewusst hat, so könnte sie mir auch den Hals brechen? Ich bin mir nicht sicher, rechne ihr aber zu, anatomisches Wissen ist damals längst nicht so populär gewesen …

… ganz wichtig, es zeigt auch eine vollkommen andere Seite meiner Mutter und erlaubt einen tieferen Blick in die damalige Zeit: Sie hat beim Wissen an mich weitergeben, auch eigene Lebenserfahrungen auf -ihre Weise- logisch verarbeitet. So wiederholte sie in den jeweils heißesten Phasen solcher Ereignisse unausgesetzt:
„Was der Mensch weiss, kann man ihm nicht nehmen. Je früher der Mensch was lernt, umso früher weiss er es. Es ist besser mit 6 Jahren schon zu wissen, was einem mit 17 vielleicht zu lernen verwehrt wird“.
Damit drehte sie den Spruch:
„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“, beinahe um. (Wiedermal ein Beispiel dafür, mit Sprüchen kann jeder machen was ihm gerade passt.) Später hat sich herausgestellt, meine Mutter ist bis in die 60er Jahre davon ausgegangen, es wird einen Bürgerkrieg geben und wieder alles in Stein und Asche versinken. Dann sollte ich wenigstens schon mehr als normal gelernt haben. Was wissen. Mehr wissen als sie früher! Erst Ende der 1960er schien sie davon Abstand zu nehmen. Die Zensuren meiner Schwester waren ihr zum Beispiel weitgehend wurscht. Mich hat sie aus ihrem nun einmal begonnenen „Zwangswissenvermittlungsprojekt“ nicht entlassen. Das ist vergleichbar mit dem Ehrgeiz eines Bildhauers. Hat er die Statue schon teilweise aus dem Stein gehauen, kann er nicht aufhören.

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In meinem kleinen Apfel … (2) —-> hier

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